Die meisten Menschen in der Geschichte hielten die Vergangenheit für die bessere Zeit. Goldenes Zeitalter, Paradies, die guten alten Tage – die Erzählung ging fast immer rückwärts. Dass es der Menschheit insgesamt besser geht und dass die Zukunft besser sein kann als die Gegenwart, ist eine Idee, die sich erst spät durchsetzte.
Erste Konturen zeigten sich in der Renaissance, als Gelehrte begannen, die eigene Zeit als Wiedergeburt und nicht als Verfall zu lesen. Die großen Entdeckungen, der Buchdruck und die beginnende Naturwissenschaft lieferten sichtbare Beweise, dass Neues nicht nur möglich, sondern auch nützlich war.
Die Aufklärung macht Ernst
Im 18. Jahrhundert wurde aus dem Gefühl eine Theorie. Denker wie Turgot und Condorcet beschrieben Fortschritt nicht als Zufall, sondern als Gesetzmäßigkeit: Wissen wächst, und mit ihm Freiheit und Wohlstand. Condorcet schrieb seine berühmte Skizze über den Fortschritt des menschlichen Geistes, während er sich vor der Revolution versteckte – ein bemerkenswerter Akt des Optimismus in dunkler Zeit.
Fortschritt ist keine Garantie. Er ist Arbeit – an Institutionen, Ideen und an uns selbst.
Fortschritt als Verpflichtung
Die Idee hatte auch dunkle Seiten: Fortschrittsglaube wurde zur Ideologie, zur Rechtfertigung von Kolonialismus und Wachstumsfetisch. Aber die Antwort darauf ist nicht, die Idee zu verwerfen, sondern sie ehrlich zu machen. Wir wissen heute, dass Fortschritt nicht von selbst kommt: Er braucht messbare Ziele, funktionierende Institutionen und die Bereitschaft, Fehlschläge zu korrigieren.
Wer die Geschichte der Idee kennt, sieht das Gegenwärtige mit anderen Augen. Dass ein Kind heute bessere Chancen hat als seine Großeltern, ist keine Selbstverständlichkeit – es ist das fragile Ergebnis einer sehr jungen, sehr zerbrechlichen Erfindung.