Die Idee, dass man eine Krankheit verhindern kann, indem man ihr begegnet, ist älter als die Medizin selbst. Schon im 16. Jahrhundert rieben sich Menschen in Teilen Asiens getrockneten Pockenschorf in kleine Hautwunden. Es war riskant – aber wer es überlebte, war für immer geschützt, und das wussten die Leute.
Die systematische Wende kam mit Edward Jenner, der 1796 bewies, dass Kuhpocken vor Menschenpocken schützen. Seine Methode hieß Vakzination, nach vaccinia, dem lateinischen Wort für Kuhpocken. Ohne ein einziges Molekül zu kennen, hatte Jenner das Prinzip der Immunologie entdeckt.
Ein Jahrhundert der Impfstoffe
Im 20. Jahrhundert folgte eine Erfindung auf die andere: Tuberkulose, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Masern. Die Pocken, einst einer der größten Killer der Menschheitsgeschichte, wurden 1980 für ausgerottet erklärt – das erste und bisher einzige Mal, dass die Menschheit eine Krankheit komplett besiegte. Keine Waffe, keine Mauer, kein Vertrag hat je so viele Leben gerettet.
Keine Erfindung hat je so viele Leben gerettet wie der Impfstoff.
Warum das Tempo zählt
Die Impfstoffentwicklung selbst wurde zur Wissenschaft. Was bei den Pocken Jahrzehnte dauerte, gelang bei der Pandemie von 2020 in Monaten: weil Forscher jahrzehntelang an der mRNA-Technologie gearbeitet hatten, lange bevor sie berühmt wurde. Der Impfstoff, der heute in einer Stunde im Kühlschrank liegt, ist das Ergebnis von Grundlagenforschung, die niemandem sofort Nutzen versprach.
Die Geschichte des Impfens ist damit auch eine Lektion über Fortschritt: Er passiert selten im Rampenlicht, sondern in tausenden unspektakulären Schritten – und die teuerste Investition ist die, die man macht, wenn man den Nutzen noch nicht genau beziffern kann.